• Gruppenbild der Vereinsmitglieder 1986

Geschichte

Wie alles begann

Bis zu den 1980er Jahren wurden Kinder mit Behinderung in psychiatrischen Kliniken untergebracht. Mit der Ausgliederung aus der Psychiatrie konnten diese Kinder wieder bei ihren Familien leben. Franz Wolfmayr unterrichtete damals an der Sonderschule in Gleisdorf und erreichte, dass Kinder mit Behinderung die Schule besuchen durften. Davon angespornt gründete er 1986 mit Eltern und Lehrer:innen der Allgemeinen Sonderschule den Verein Chance B. Um die Kinder im Unterricht zu begleiten, wurde über diesen Verein zusätzliches Personal zur Unterstützung angestellt. Davon abgeleitet folgte mit der Schulassistenz eine der ersten sozialen Dienstleistungsangebote der Chance B.

Was als kleine private Initiative startete, entwickelte sich mit der Gründung von Dienstleistungsbetrieben rasch weiter. Hier beginnt 1989 auch die Geschichte der Chance B als Firmengruppe, die bis heute im Eigentum des Vereins Chance B steht.

Pionierarbeit in der Region

Die Chance B leistete von Anfang an Pionierarbeit im Feld der sozialen Dienste.

1989: Gründung der ersten Sozialökonomischen Betriebe
Beginn von Arbeitstrainingskursen und des Aufbaus von Maßnahmen im Auftrag des AMS.

1989: Schulassistenz für gleiche Bildungschancen
Qualitätsvolle Begleitung von Kindern mit Unterstützungsbedarf im Schulalltag, damit sie am Unterricht teilhaben können.

1990: Start der ersten regionalen Frühförderstelle in der Steiermark
Anfang des Chance B Modells: Unterstützung für alle Menschen von der Geburt an bis ins hohe Alter.

1991: Erste Arbeitsvermittlungsstelle für Menschen mit Behinderung in Österreich
Pionierarbeit im Aufbau von mobilen Maßnahmen zur beruflichen Teilhabe. Davor gab es für Menschen mit Behinderung ausschließlich Beschäftigungsangebote.

1991: Start der mobilen Hauskrankenpflege
Damit pflegebedürftige Menschen so lange wie möglich in ihrem Zuhause leben können.

1993: Eröffnung des Therapeutischen Instituts in Gleisdorf
Start des damaligen „Ambulatoriums“ zur Verbesserung der therapeutischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung – als erster Anbieter mit Kassenvertrag in der Steiermark. 2020 kam eine zweite Filiale in Hartberg hinzu.

1994: Gründung der ersten gemeinnützigen GmbH in der Steiermark
12 Gemeinden sind Gesellschafter der Sozialbetriebs GmbH.

1995: Entwicklung von Maßnahmen zur beruflichen Integration
Mitgestaltung von Konzepten im Auftrag des damaligen Bundessozialamts. Die Leistungen des Netzwerk Berufliche Assistenz (NEBA) sind bis heute österreichweit verfügbar, um für Menschen mit Behinderung und ausgrenzungsgefährdete Jugendliche einen Job am ersten Arbeitsmarkt sicherzustellen.

1999: Start der Hausmasters
Der Gewerbebetrieb Hausmasters ist heute einer der größten Arbeitgeber für Menschen mit Behinderung in der Oststeiermark.

1999: Pilotprojekt mobile Wohnassistenz
Entwicklung und Erprobung eines Konzepts, das Menschen mit Beeinträchtigung ein Leben in ihrem eigenen Zuhause ermöglicht. Wer damals nicht in der Lage war, selbständig zu wohnen, musste in ein Wohnheim ziehen.

2001: Eröffnung der Tagesförderstätte in Pischelsdorf
Eine der ersten Tageseinrichtungen in der Steiermark für Menschen mit schwerer und schwerst mehrfacher Behinderung, um individuelle Förderung, Entwicklung und Anregung zu ermöglichen.

2004: Mitgestaltung von gesetzlichen Rahmenbedingungen
Die Chance B forciert über den Dachverband „Die Steirische Behindertenhilfe" das Steiermärkische Behindertengesetz 2004 und konzipiert die LEVO-Leistungen für mobile Dienste, Tageseinrichtungen und Wohnen maßgeblich mit.

2004: Entstehung der Mobilen Sozialpsychiatrischen Betreuung als eigene Leistung
Damit erwachsene Menschen mit psychischer Erkrankung selbständig leben können. Die Begleitung mit Beratung und Assistenz entstand aus der mobilen Wohnbetreuung heraus und wird seit 2014 unter der Marke „selba“ angeboten.

2010: Eröffnung des Wohnverbunds in Gleisdorf
Barrierefreies Wohnen mit Betreuung für Menschen mit Behinderung in der Region.

2010: Eröffnung des LEBI-Ladens in Gleisdorf
Überschüssige Lebensmittel sind zu günstigen Preisen ohne Einkommensprüfung erhältlich.

2012: Initiierung des Modellprojekts KOMKOM
Kompetenzerweiterung durch Kompetenzerfassung für berufliche Chancen: Personen mit Lernschwierigkeiten, denen oftmals formale Bildungsabschlüsse fehlen, erhalten einen offiziellen Nachweis ihrer Fähigkeiten mit Anerkennung zum Nationalen Qualifikationsrahmen. Teilnehmende des Programms „Teilhabe an Beschäftigung in der Arbeitswelt“ sind bei diesem Bildungsprojekt involviert.

2014: Förderung des freiwilligen Engagements
Start und Ausbau von Projekten wie der Freiwilligenbörse Region Gleisdorf und den Familienpatenschaften. Mit der Ehrensache Oststeiermark erfolgte 2023 ein weiterer Schritt zur Vernetzung von freiwillig Engagierten mit regionalen Vereinen und (Einsatz-)Organisationen.

2017: Aufbau der Abteilung Innovation & Entwicklung
Umsetzung von regionalen, nationalen und internationalen Projekten für neue bedarfsgerechte Lösungen und zur laufenden Weiterentwicklung von Leistungen.

2023: Einbindung der Dienstleistungen des ehemaligen Vereins „Leib & Söl“
Erweiterung des Angebots um teilstationäre und mobile Dienstleistungen in der Region Graz-Umgebung Nord und Weiz Nord.

2023: Erweiterung mit Freizeitassistenz und Persönliche Assistenz
Ergänzung des sozialen Dienstleistungsangebots im Bereich Wohnen und Freizeit.

2024: 35 Jahre Chance B
Individuelle Unterstützung für jede einzelne Person, soziale Dienstleistungen in der ländlichen Region, innovative Projekte und starke Kooperationen – das macht die Chance B bis heute aus. Dabei steht der Grundsatz „Gleiche Chancen für alle“ immer im Fokus, um Menschen mit Benachteiligung ein Leben inmitten der Gesellschaft zu ermöglichen.

Therapeut arbeitet mit einem Kind im Therapieraum
Porträt eines Visionärs.

Untrennbar mit Chance B verbunden:

FRANZ WOLFMAYR

Franz Wolfmayr 1990_sw

Franz Wolfmayr Chance B Gründer im Klostergarten 1990
   

Wolfmayr 2

Franz Wolfmayr Visionär und Menschenrechtsexperte 2015
      

Er ist Mitbegründer der Chance B und war über 20 Jahre Chance B-Geschäftsführer. Ebenso hat er sich als Präsident des europäischen Dachverbandes für Behindertenhilfe einen Namen gemacht.  Durchhaltevermögen und Zielstrebigkeit zeichnen ihn und seine Arbeit noch immer aus. 

Als Einzelkind in Gallspach im oberösterreichischen Hausruckviertel aufgewachsen,  kam Franz Wolfmayr bereits mit 10 Jahren ins Internat im Stiftsgymnasium Kremsmünster. „Das waren harte Zeiten,“ erinnert sich Franz Wolfmayr an die Zeit, in der er nur selten zu seiner Familie nach Hause kam. Mit abgeschlossener Matura verließ er seine Heimat, um in Graz Pädagogik und Soziologie zu studieren. Bereits zu Studienzeiten zeigte sich sein Engagement für Randgruppen unserer Gesellschaft. Gemeinsam mit Studienkolleginnen gründete er die „Aktion Spielbus“. Ein alter Bus der Stadtwerke diente als Vehikel. Mit Spielmaterial aller Art – von Kartons über Schachteln und Rohre – vollgepackt, wurden Spielplätze in benachteiligten Stadtvierteln von Graz angefahren. Kinder und Jugendliche konnten sich auf diese Art und Weise spielerisch ausdrücken und fanden Ansprechpersonen für ihre Anliegen und Bedürfnisse. Den von der Stadt Graz finanzierten Spielebus gibt es noch heute.

Gründung der Chance B in Gleisdorf
1981 kam der ausgebildete Sonderschullehrer nach Gleisdorf, die Heimatstadt seiner ersten Frau. Franz Wolfmayr erhielt eine Anstellung an der Sonderschule Gleisdorf, wo er gemeinsam mit Eltern und Lehrerinnen  und Lehrern Pionierarbeit in Sachen Integration von Menschen mit Behinderung leistete. 1989 war er Mitbegründer des Vereins Chance B und erstmals konnten Kinder mit schwerer Behinderung, die zuvor in der Psychiatrie untergebracht waren, die Schule besuchen.
Es folgten viele innovative Meilensteine auf politischer Ebene ebenso wie im Unternehmen Chance B. Einer der größten Schritte war die Einführung einer Arbeitsvermittlung für Menschen mit Behinderung. 1991 stellte die Chance B den ersten Arbeitsassistenten Österreichs an. „Wir haben es versucht und daran geglaubt,“ erzählt Franz Wolfmayr, der  anfangs dieses Vorhaben mit einem Kredit finanzierte. Durch seinen Weitblick und sein persönliches Netzwerk fand Franz Wolfmayr immer wieder Möglichkeiten zur Unterstützung seiner Ziele. Zielvorstellungen wurden auch formuliert, wenn der Chance B-Geschäftsführer sich mit gleichgesinnten Freunden aus der Branche traf. “Mit zwei Kollegen, die auch heute eine wichtige Rolle in der Behindertenhilfe haben, traf ich mich regelmäßig – also dreimal im Jahr für mindestens zwei Tage – um Zukunftsvisionen zu entwickeln. Wir fuhren auf die Alm und dachten darüber nach, wie die Zukunft der Behindertenhilfe aussehen sollte.“ Eine dieser Wunschvorstellungen war und ist, die Rahmenbedingungen für ein „Leben zu Hause“ zu schaffen. Franz Wolfmayr schaffte es, mobile Leistungen im Bereich der Frühförderung, Therapie und Pflege anbieten zu können. So wurde die Lebensqualität von benachteiligten Menschen in abgelegenen Orten, wie es sie vor allem im Bezirk Weiz häufig gibt, deutlich verbessert.

Aufbauarbeit in der Behindertenhilfe
Während all dieser Arbeit in der Chance B, die heute jährlich 2700 Personen betreut und begleitet, hat Franz Wolfmayr sich stets als Vertreter von Menschen mit Behinderung  gesehen. Gemeinsam mit der Landesregierung arbeitete  er an neuen  Konzepten. Wolfmayr war beispielsweise maßgeblich daran beteiligt, die Ausbildung zum Fachsozialbetreuer-Behindertenbegleitung in der Caritasschule in Graz zu entwickeln. 10 Jahre lang hat er dort dann auch selbst unterrichtet. „Die Rahmenbedingungen für Menschen mit Behinderung zu sichern, ist mir besonders wichtig“, betont er. In seiner langjährigen Funktion als Dachverbandspräsident der Steirischen Behindertenhilfe wirkte er unter anderem  an der Konzeption des neuen Steirischen Behindertengesetzes im Jahr 2004 mit. Derzeit arbeitet Wolfmayr in verschiedenen EU-Projekten mit und ist als Berater und Menschenrechtsexperte gleichermaßen für Dienstleistungsanbieter oder Vertreter von Behörden und Politik im ganzen europäischen Raum gefragt. 

Vernetzung in ganz Europa
Seit Jahrzehnten organisiert der reiselustige Gleisdorfer eigene Studienreisen, um anhand von Best Practice Beispielen zu lernen und neue Perspektiven zu gewinnen. Stärkere Vernetzung und die Verbesserung des Informationsaustausches waren auch seine Motive für das Mitwirken im europäischen Dachverband der Behindertenhilfe: EASPD.  Von 2008 bis 2016  stand Franz Wolfmayr dem Verband vor.

Wahrscheinlich waren die frühen Eindrücke der Kindheit prägend, wo in der elterlichen Frühstückspension in einem Kurort täglich Menschen mit Behinderung ein und aus gingen bzw. mit dem Rolli fuhren. „Das war für mich ganz normal“, resümiert Wolfmayr, der - durch seine kraftvollen Visionen  - Undenkbares für Menschen mit Behinderung in die Realität umsetzt.

Porträt erstellt von Mag. Karin Reder, anlässlich des 60. Geburtstages von Franz Wolfmayr

Interview

Jedem Menschen seine zweite Chance.

Eva Skergeth-Lopič

Eva Skergeth-Lopič

Eva Skergeth-Lopič war 17 Jahre lang Geschäftsführerin der Chance B.
© Chance B Gruppe, LEADER-Region Oststeirisches Kernland/Bernhard Bergmann

Eva Skergeth-Lopič startete ihre berufliche Laufbahn in der Sozialen Arbeit in den frühen 80er Jahren und kam 2008 zur Chance B. Sie zeichnete 17 Jahre für die Leitung der Firmengruppe verantwortlich, davon 7 Jahre gemeinsam mit Chance B Gründer Franz Wolfmayr und 10 Jahre als alleinige Geschäftsführerin. Mit Ende des Jahres 2025 gab Eva Skergeth-Lopič die Chance B Geschäftsführung ab. Worauf sie mit Freude zurückblickt, erzählt die erfahrene Sozialmanagerin im Interview.

Was hat Sie motiviert, für die Leitung der Chance B verantwortlich zu sein?
Im Grunde geht’s mir immer um die Menschen. Ich will jede einzelne Person im Blick haben und verstehen können, welches Thema für sie gerade bedeutsam ist, welche Barriere einer positiven Perspektive im Wege steht und welches Ziel sie vor Augen hat. Und dann will ich einen Ansatz finden, welches Angebot unterstützen kann. Die Chance B mit ihren hoch engagierten Fachleuten kann ermöglichen, dass die Menschen Wege zu mehr Autonomie und Lebensqualität finden. Dafür den organisatorischen Rahmen zu schaffen, das war eine sehr erfüllende Aufgabe.

Auf welche Entwicklungen, die Sie auf den Weg gebracht haben, sind Sie besonders stolz?
Das Firmenwachstum war nicht mein Bestreben, dennoch machen es die Zahlen deutlich: die Chance B verzeichnet seit 2008 einen starken Anstieg an Mitarbeitenden. Wir beschäftigen heute rund 750 Dienstnehmer:innen und sind damit ein hoch bedeutsamer und attraktiver Arbeitgeber für die ländliche Region. Die Kolleg:innen bringen die Chance B Dienste näher zu den Menschen vor Ort. Genau darum geht’s grundsätzlich: Dort, wo die Menschen leben, sich weiterbilden und Arbeit suchen – dort bei ihnen in den Gemeinden soll für sie jene Unterstützung verfügbar sein, die gebraucht wird.

Chance B Dienste in der Region östlich von Graz – war das Ihr Ziel?
Aus dieser Strategie ist entstanden, dass unsere mobilen Teams in einem erweiterten regionalen Raum tätig sind: über den Bezirk Weiz hinaus, in Hartberg-Fürstenfeld, in der Südoststeiermark und seit 2023 auch in Graz-Umgebung. Die mobilen Pflegedienste sind seit 2018 für einige Gemeinden mehr zuständig, haben sich auf die Strategie „Im Alter zu Hause leben“ fokussiert und die neue „Alltagsbegleitung“ aufgebaut. Sie ist im steirischen Pflegegesetz verankert, damit besteht eine Rechtsgrundlage – das ist mir wichtig. Die Chance B Arbeitsvermittlung konnte in den letzten 10 Jahren die NEBA-Projekte qualitativ wie quantitativ stärken. Wir sind der erste Kontakt für regionale Unternehmen, wenn es um den Inklusiven Arbeitsmarkt geht – nicht zuletzt auch durch die enge Kooperation mit dem Arbeitsmarktservice und Sozialministeriumservice. Es freut mich jedes Mal aufs Neue, wenn eine Person ihren Wunschjob am ersten Arbeitsmarkt findet. Ein bedeutender Erfolg ist auch, dass unser Team von TaB (Teilhabe an Beschäftigung in der Arbeitswelt) für sogenannte nicht erwerbsfähige junge Menschen mit der langjährigen dualen Ausbildung den Weg in einen Wirtschaftsbetrieb ebnen kann.

Unter Ihrer Leitung wurde auch die Chance B Infrastruktur ausgebaut. Welche Projekte fallen beispielsweise darunter?
Die Eröffnung des Wohnverbunds für 20 Bewohner:innen und 14 Mieter:innen in Gleisdorf im Jahr 2010 und der Einsatzstelle für „selba“, unsere Mobile Sozialpsychiatrische Betreuung, im Jahr 2015. Die Erneuerung des Therapeutischen Institutes mit der Filiale in Hartberg im Jahr 2020. Dann der Pavillon mit Gastgarten für unser gut.-Restaurant und die Einbindung des ehemaligen Trägers „Leib & Söl“ im Jahr 2023, die unsere Standortpolitik neu forcierte. Investitionen in die Nachhaltigkeit wie E-Ladestationen für den sukzessiven Umstieg auf Elektromobilität und Photovoltaikanlagen auf unseren Liegenschaften Bio-Bauernhof und Pischelsdorf. Das alles immer auch mit Unterstützung durch unseren eigenen Gewerbebetrieb Hausmasters. Zuletzt nun das Startsignal für ein Bauvorhaben für eine neue Tageseinrichtung in Weiz ab 2026. Der „Mobile Werkraum“ als kreatives Highlight wartet unter dem vielversprechenden Titel „Mei supa Chance“ darauf, durch die ganze Region zu touren, um innovative Lösungen zu den Menschen zu bringen.